Rede von Bundeskanzler Merz zum 35. Jahrestag der Deutschen Einheit

Festakt zum Tag der Deutschen Einheit © Bundesregierung/Marvin Ibo Güngör

Bundeskanzler Friedrich Merz hielt am 3. Oktober 2025 in Saarbrücken eine feierliche Rede anlässlich des 35. Jahrestags der Deutschen Einheit.

Merz erinnerte daran, dass Deutschland über Jahrzehnte geteilt gewesen sei und dass die Wiedervereinigung 1990 alles andere als selbstverständlich gewesen sei. Die friedliche Revolution in der DDR habe Mut und Freiheitsliebe erfordert und hätte auch scheitern können. Er stellte fest, dass nach 35 Jahren Einheit die Zeit reif sei, nicht nur zurückzublicken, sondern mit neuer Zuversicht nach vorn zu schauen. Er rief dazu auf, Spaltungen zu überwinden und das Land neu zu vereinen. „Lassen Sie uns eine gemeinsame Kraftanstrengung unternehmen für eine neue Einheit in unserem Land“, sagte Merz.

Er beschrieb, wie in den vergangenen Jahrzehnten viel über gegenseitige Vorurteile, über die Entwertung ostdeutscher Biografien und über wirtschaftliche Herausforderungen diskutiert worden sei. Gleichzeitig würdigte er die vielen gelungenen Neuanfänge und die Erfolge, die in Ost und West erreicht worden seien.

Merz betonte, dass Deutschland im Jahr 2025 vor einer entscheidenden Phase seiner Geschichte stehe: Die liberale Demokratie sei weltweit unter Druck geraten – sowohl durch äußere Bedrohungen von Autokratien als auch durch innere Polarisierung, etwa infolge jahrelanger ungeregelter Migration. Auch die wirtschaftliche Lage habe sich verschlechtert, soziale Versprechen seien schwerer einzulösen. Dennoch solle dieser Moment nicht als Bedrohung, sondern als Chance begriffen werden.

Zentral in seiner Rede war die Frage: Was für ein Land wollten die Deutschen sein? Merz nannte vier Grundpfeiler:

  1. Ein demokratisches und freiheitliches Land, in dem offene Debatte möglich sei und Meinungsvielfalt als Stärke verstanden werde. Demokratie, so sagte er, sei nicht immer ordentlich oder höflich, aber sie lebe vom offenen Diskurs.
  2. Ein rechtsstaatliches Land, in dem Gerichte unabhängig seien, Gesetze für alle gleichermaßen gälten und der Staat sich selbst an Recht und Ordnung binden müsse. Die Gewaltenteilung diene dem Schutz der individuellen Freiheit.
  3. Ein wirtschaftlich starkes und soziales Land, das auf Innovation, Technologie und die Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern setze. Soziale Gerechtigkeit müsse mit Blick auf die Realität – etwa den demographischen Wandel – neu gedacht werden. Der Sozialstaat müsse reformiert werden, um zukunftsfähig zu bleiben.
  4. Ein weltoffenes, europäisches Land, das sich als Teil Europas verstehe und für europäische Werte wie Freiheit, Demokratie und Solidarität einstehe. Merz hob die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft hervor und erklärte, dass Deutschland europäisch denke und handle.

Merz erinnerte an seine eigene Zeit im Europäischen Parlament nach der Wiedervereinigung und erklärte, dass ihn die europäische Perspektive seitdem stark geprägt habe. Die Rolle Deutschlands in Europa sei historisch gewachsen, und die Bundesrepublik solle eine gute Kraft in Europa bleiben.

Im letzten Teil der Rede fasste Merz die aktuellen Aufgaben zusammen: Deutschland müsse seine Verteidigungsfähigkeit wieder stärken, angesichts wachsender Bedrohungen. Er sprach sich für die Attraktivierung des Wehrdienstes aus und lobte die Bereitschaft der Soldatinnen und Soldaten, das Land zu verteidigen.

Zugleich müsse Deutschland wirtschaftlich wieder stärker werden – durch technologische Führungsansprüche, neue Märkte und weniger Regulierung. Er forderte ein neues Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Bürgern, zwischen Politik und Unternehmen.

Auch die Sozialpolitik müsse an neue Realitäten angepasst werden, um die Generationengerechtigkeit zu sichern und den Sozialstaat aufrechtzuerhalten. Dazu brauche es einen neuen gesellschaftlichen Konsens.

Am Ende rief Merz zu einem gemeinsamen Aufbruch auf: Die Deutschen sollten sich wieder mehr zutrauen und nicht in Pessimismus verfallen. Es sei Zeit für Mut und Veränderungswillen. Die Ostdeutschen hätten 1989 vorgemacht, was mit Zuversicht möglich sei. Nun gelte es, das Erreichte zu verteidigen und gemeinsam eine neue Einheit zu gestalten – nicht als Ost- oder Westdeutsche, sondern als Deutsche.

Er schloss mit den Worten: „Stehen wir in Einigkeit für das Recht und für die Freiheit!“

Foto: Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Congresshale Saarbrücken © Bundesregierung/Marvin Ibo Güngör