Prüfung ÖSD Zertifikat C1
Modul Schreiben, Aufgabe 2: Freie Textproduktion
Stellungnahme zum Thema „Verpflichtende Auslandssemester im Studium“
Situation: In einer Zeitung haben Sie folgenden Artikel gelesen:
„Auslandssemester
Jeder fünfte deutsche Student soll künftig mindestens ein Semester im Ausland studieren.
(…) Studierende sollen die Chancen für einen Auslandsaufenthalt besser nutzen, fordern deutsche Bildungsexperten. Deutschland brauche angesichts des globalen Wettbewerbs „Führungskräfte in Wirtschaft und Wissenschaft, die sich auf der ganzen Welt auskennen“. Bislang machen erst 30 Prozent aller Studenten während ihres Studiums ein Praktikum im Ausland. Ein Auslandssemester absolvieren rund 15 Prozent.
Während für viele Sprachwissenschaftler ein Auslandssemester heute nahezu selbstverständlich ist, gehen nur vier Prozent der angehenden Ingenieure während ihrer Ausbildung ins Ausland.
Allerdings schreiben mittlerweile immer mehr Studiengänge ein verpflichtendes Auslandssemester vor. Vertreter der Studierenden machen darauf aufmerksam, dass ein Auslandssemester oft nicht am Willen der Studierenden, sondern an der Finanzierung scheitert. Aufgabe der Politik sei es, hier entsprechende Mittel bereitzustellen. Ansonsten könnte ein verpflichtendes Auslandssemester zu einer noch größeren sozialen Selektion führen. (…)“
Schreiben Sie für ein Seminar eine Stellungnahme. Schreiben Sie mindestens 250 Wörter und gehen Sie dabei auf folgende Punkte ein:
- Fassen Sie die relevanten Informationen des Artikels zusammen.
- Argumentieren Sie: Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei verpflichtenden Auslandssemestern?
Erläutern Sie:
- Wie ist Ihre persönliche Meinung zu verpflichtenden Auslandssemestern?
- Wie ist die Situation in Ihrem Land?
Berücksichtigen Sie dabei auch den Aufbau des Textes (Einführung in das Thema, Aufbau einer Argumentation, Schlussfolgerung).
Beispiel der Stellungnahme zum Thema „Verpflichtende Auslandssemester im Studium“
In Zeiten zunehmender Globalisierung wird die internationale Erfahrung während des Studiums immer wichtiger. Laut dem Artikel fordern Bildungsexperten in Deutschland, dass mehr Studierende mindestens ein Semester im Ausland verbringen.
Derzeit absolvieren 30 % der Studierenden ein Auslandspraktikum, und lediglich 15 % ein Auslandssemester. Das heißt, die Mehrheit – also 70 % – sammelt keine Auslandserfahrung im Rahmen eines Praktikums. Besonders gering ist die Zahl bei angehenden Ingenieuren – hier liegt die Quote bei nur vier Prozent. Um dem entgegenzuwirken, führen viele Studiengänge inzwischen verpflichtende Auslandsaufenthalte ein. Studierendenvertreter warnen jedoch, dass solche Maßnahmen soziale Ungleichheiten verschärfen könnten, wenn keine ausreichende finanzielle Unterstützung gewährleistet wird.
Ein verpflichtendes Auslandssemester bringt zweifellos viele Vorteile mit sich. Studierende erwerben wichtige interkulturelle Kompetenzen, verbessern ihre Fremdsprachenkenntnisse und erweitern ihren persönlichen Horizont. Auch auf dem Arbeitsmarkt gelten internationale Erfahrungen oft als großer Pluspunkt. Dennoch darf man die Nachteile nicht ignorieren. Für viele Studierende stellt ein Auslandssemester eine enorme finanzielle Belastung dar. Nicht jeder kann sich ein Leben im Ausland leisten – selbst mit Stipendien. Auch persönliche Gründe wie familiäre Verpflichtungen oder gesundheitliche Einschränkungen können eine Teilnahme erschweren. Häufig werden auch Sprachkenntnisse in Form eines Sprachzertifikats benötigt.
Meiner persönlichen Meinung nach ist ein Auslandssemester eine große Chance – aber es sollte nicht verpflichtend sein. Bildung sollte für alle zugänglich bleiben, unabhängig von Herkunft oder finanziellen Mitteln. Anstatt Pflichtaufenthalte einzuführen, sollte man Anreize schaffen, wie z. B. mehr finanzielle Förderung.
In meinem Heimatland Polen ist ein Auslandsaufenthalt während des Studiums freiwillig, wird jedoch von vielen Hochschulen, insbesondere im Rahmen des Erasmus+-Programms, nachdrücklich gefördert. Die Universitäten bieten umfangreiche Informationsangebote, Unterstützung bei der Organisation sowie teilweise finanzielle Zuschüsse, um Studierende zur Teilnahme zu motivieren. Dennoch hängt die tatsächliche Teilnahme stark von der Eigeninitiative, den Fremdsprachenkenntnissen und den finanziellen Möglichkeiten der Studierenden ab. Ein weiteres Hindernis ist die begrenzte Anzahl an verfügbaren Plätzen, die im Verhältnis zur großen Nachfrage deutlich zu niedrig ist. Viele interessierte Studierende gehen deshalb leer aus, obwohl sie grundsätzlich qualifiziert wären.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Auslandserfahrungen zweifellos wertvoll sind. Jedoch sollte der Zugang dazu gerecht gestaltet sein – und nicht erzwungen werden. Nur wenn Auslandsaufenthalte freiwillig und finanziell gut abgesichert sind, können alle Studierenden gleichermaßen davon profitieren. Bildungspolitik und Hochschulen sollten deshalb darauf hinarbeiten, entsprechende Mittel bereitzustellen, damit Auslandsaufenthalte für alle Studierenden – unabhängig von ihrer sozialen oder finanziellen Lage – möglich sind. So wird internationale Erfahrung zu einer echten Bereicherung – und nicht zu einer zusätzlichen Belastung.
Foto: Universität Sevilla, Spanien